Editorial: Zum Anliegen des Heftes
Leipzig - Sportstadt mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Olympische Spiele in Leipzig? Da war doch schon was...
Wie sich ein unverbesserlicher Olympiaoptimist eine erfolgreiche Bewerbung vorstellt
Die Olympiaplanungen Leipzigs: Sportstätten, Olympisches Dorf und Medienzentrum
Vom Rehabilitationssport zu den Paralympics
Winterzeit - Spielzeit,  Ferien mit dem Sportmuseum Leipzig
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Vom Rehabilitationssport 
zu den Paralympics


Zur Geschichte der Olympischen Spiele 
für Behinderte

 

Die (Para-)Olympischen Wettkämpfe für die weltbesten Sportler mit Handicap werden im Gegensatz zu den Olympischen Wettbewerben der Nichtbehinderten erst seit kurzer Zeit durchgeführt. Somit muss der Leistungssport der Behinderten in wenigen Jahren das nachholen, wozu andere Sportarten über 100 Jahre lang Zeit hatten. Weltweit wächst das Interesse für die „Olympischen Spiele“ der behinderten Sportler von Olympiade zu Olympiade.

Bei mir begann es 1993, als ich acht Wochen lang in der Berlin 2000 Olympia GmbH, der Gesellschaft zur Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 in Berlin, arbeitete. Meine Tätigkeit in der Abteilung Paralympics brachte mich erstmals mit dem Behinderten­leistungssport und dessen Wettkampfsystem in Kontakt, führte mich mit den Berliner Paralympics-Botschaftern Marianne Buggenhagen, Kerstin Gaerdicke und Errol Marklein zusammen und baute meine „Berührungsängste“ gegenüber Behinderten ab. Heute, da schon viele „Barrieren“ zwischen dem Sport der Gehandicapten und der Nichtbehinderten beseitigt wurden, möchte ich an einige Stationen dieser Entwicklung erinnern.
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Der Anfang 1948: Aylesbury, Stoke Mandeville

Ludwig Guttmann (1899-1980), ein nach England emigrierter jüdischer deutscher Arzt, arbeitet seit 1944 in Aylesbury, der Hauptstadt der südenglischen Grafschaft Bucking­hamshire im Hospital „Stoke Mandeville“. Der Neurologe widmet sich in seiner klinischen Arbeit der Rehabilitation von Querschnittsverletzten des II. Weltkrieges. Als einer der ersten Ärzte erkennt er die positiven Wirkungen des Sporttreibens für Gelähmte im Rollstuhl und setzt diese bewusst für den Heilungsprozess ein. Die Ziele, die Guttmann bei den Patienten erreichen will, sind die funktionelle und psychische Mobilisation, das Aufhalten bzw. Vermeiden von Folgeerkrankungen sowie Hilfestellungen für die Bewältigung des Alltags. Seine ursprünglich therapeutisch angelegte Idee, Querschnittsgelähmte zum Sporttreiben zu animieren, entwickelt er schließlich dahingehend, dass eine Sportbewegung mit Wettkampf­charakter entsteht. Am 28. Juli 1948 nehmen 14 Männer und zwei Frauen an den ersten Rollstuhlspielen des Hospitals teil. Sie wetteifern im Bogenschießen miteinander und ermitteln die Besten in dieser Sportart. Am gleichen Tag werden in London die XIV.

Auch wenn die DDR keine Behindertensportler zu den Paralympics entsandte - in jährlichen nationalen Meisterschaften konnten sich die Versehrtensportler in verschiedenen Sportarten und -disziplinen messen. Bei den 18. DDR-Meisterschaften der Querschnitts- gelähmten am 6.8.1983 bewarben sich 78 Athleten um die Titel im Basketball, Bogenschießen, Tisch- tennis, Schwimmen sowie in der Leichtathletik: 
Edgar Gellert, Erfurt beim Kugelstoßen.
Olympischen Sommerspiele eröffnet ... Das zeitliche Zusammentreffen der beiden sportlichen Höhepunkte ist als Versuch anzusehen, die Wettbewerbe der Behinderten von Beginn an mit denen der Olympischen Spielen zu verbinden. In den folgenden Jahren werden die Wettkämpfe der Rollstuhlfahrer in Aylesbury weitergeführt. Ludwig Guttmann besteht – obwohl (oder gerade weil) diese Wettbewerbe über die Ländergrenzen Großbritanniens hinaus bekannt geworden sind – auf der Beibehaltung des Namens „Stoke Mandeville Games“.
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1960 bis 1964: Die Spiele verbreiten sich in der Welt

Rom 1960: Zwölf Jahre vergehen, bis erstmals außerhalb Englands die „Internationalen Weltspiele der Gelähmten“ stattfinden: In Rom, der Ausrichterstadt der Olympischen Spiele 1960, werden im Anschluss an Olympia auch die internationalen Behindertenwettkämpfe durchgeführt. Aus 23 Nationen treten 400 Gelähmte in den Sportarten Basketball, Bogenschießen, Fechten, Leichtathletik, Schwimmen, Tischtennis sowie Dartchery und Snooker gegeneinander an. Das Dartzielwerfen und eine Art Lochbillard (Snooker) gehören später nicht mehr zu den Sportarten der Paralympics. Für heutige Verhältnisse unvorstellbar ist, dass alle Teilnehmer, und zwar ausschließlich Rollstuhlfahrer, im ersten Stock der auf Säulen erbauten Häuser untergebracht sind – ohne Rampen und Aufzüge. Papst Johannes XXIII. würdigt anlässlich einer Privataudienz für die Teilnehmer der Weltspiele den gesellschaftlichen Stellenwert der Arbeit Ludwig Guttmanns.
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Momentaufnahmen von den 20. DDR-Meisterschaften der Querschnittsgelähmten 1985 in Tangerhütte. Horst Bock (l.) und Martin Begrich 
auf der 100-Meter Distanz.

Tokio 1964: Obwohl Japan weder national noch international über Erfahrungen im Rollstuhlsport verfügt, übernimmt die Olympiastadt Tokio die Austragung der Behinderten­wettkämpfe. An den Ausscheiden beteiligen sich 370 Athleten aus 22 Ländern. Gewichtheben wird als neue Sportart ins Wettkampfprogramm aufgenommen – die Querschnittsgelähmten messen beim Bankdrücken ihre Kräfte. In der Leichtathletik ist der Demonstrations­wettbewerb über eine Meile eine neue Paralympics-Disziplin dieser Sportart.


1968 bis 1984: Die Behindertenwettkämpfe werden zu Weltspielen der Sportler mit Handicap
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Tel Aviv 1968: Die Olympiastadt Mexiko-City, ca. 2.350 Meter hoch gelegen, richtet die Rollstuhlspiele auf Anraten der Ärzte – wegen befürchteter gesundheitlicher Risiken für die Gelähmten – 1968 nicht aus. Die Welttitelkämpfe der Behinderten finden daher in Tel Aviv statt, etwa 750 Sportler aus 29 Ländern folgen der Einladung nach Israel. Als besonderer Höhepunkt der Spiele geht das Basketballturnier in die Geschichte der Paralympics ein: Israel siegt im Endspiel vor 5.000 begeisterten Zuschauern gegen die USA.

Heidelberg 1972: Weil München sein Olympisches Dorf nach den Sommerspielen umbauen und vermieten bzw. abreißen lässt, kann die Unterbringung der Sportler mit Handicap in der Olympiastadt nicht gewährleistet werden. Als Ausrichterstadt der internationalen Behindertenwettkämpfe springt Heidelberg ein. Die Stadt stellt den Sportlern die Räumlichkeiten des Berufsförderungswerkes sowie die Sportanlagen der Universität und des neuen Bundesleistungszentrums zur Verfügung. Rund 1.000 Athleten aus 44 Teilnehmerländern kämpfen um die Medaillen und Plätze. Erstmals starten Sehbehinderte aus Deutschland in neuen (Demonstrations)-Sportarten und -disziplinen. Die Organisation der Spiele übernimmt der Deutsche Versehrtensportverband. Der tägliche Transport der Sportler und Betreuer von den Unterkünften zu den Sportstätten und zurück erfolgt mit großen Militärbussen, die von der US Army bereitgestellt werden.
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Toronto 1976: Bei der „Torontoolympiad“ starten zum ersten Mal nicht nur Rollstuhlsportler, da offiziell nun auch blinde, sehbehinderte und amputierte Athleten an den Spielen teilnehmen dürfen. Als neue Sportart wird Volleyball in das Programm aufgenommen – die Wettbewerbe werden im Sitz- und Standvolleyball durchgeführt. Die kanadischen Gastgeber können auch einen Teilnehmerrekord verzeichnen: Etwa 1.500 Teilnehmer aus 42 Staaten sind angereist, um in den verschiedenen Wettbewerben die Besten zu ermitteln.

Örnskjöldsvik 1976: Die Schweden richten die ersten Winterspiele der Behinderten aus. Rund 250 körper- und sehbehinderte Sportler aus 14 Nationen kämpfen bei der „Winterpremiere“ um die Medaillen und Plätze in den nordischen Skisdisziplinen. Die betreffenden Wettbewerbe werden im Skilanglauf und Biathlon ausgetragen. Beim Schießen nutzen die Sehbehinderten und Blinden technische Hilfsmittel: Über Kopfhörer wird ihnen die anvisierte Nähe zum 10 Meter entfernten Zielpunkt durch bestimmte Töne „hörbar“ gemacht. Fehlschüsse ziehen – bei allen Behinderten – keine Strafrunden, sondern Zeitstrafen nach sich. Das Skilaufen erfolgt entsprechend dem Handicap in einem Skischlitten mittels Stockeinsatz oder mit einem Begleitläufer. Neben den Wertungswettkämpfen steht in Örnskjöldsvik Ski alpin als Demonstrationssportart auf dem Programm.

Arnheim 1980:
Die Olympiastadt Moskau sagt die 

1. IPC Leichtathletik Weltmeisterschaften in Berlin 1994: Im Berliner Olympiastadion wetteifern vom 22. bis 31. 7. 1994 Behindertensportler aus der ganzen Welt um Medaillen und Platzierungen. Gunther Belitz, BRD vom BSV Berlin e.V. holt sich am 26.7. 1994 mit 4,78 m im Weitsprung die Silbermedaille.

Durchführung der „Weltspiele der Gelähmten“ ab, daraufhin übernehmen die Niederländer die Ausrichtung der Welttitelkämpfe für ca. 2.000 Athleten aus 42 Ländern. Neu ist in diesem Jahr die Teilnahme der cerebral Bewegungsgestörten an den Wettbewerben. Erstmals ist Sportschießen in das Programm integriert – geschossen wird mit dem Gewehr oder der Pistole in verschiedenen Behinderten­klassen. Durch ein Telebingo wird die Finanzierung der Spiele und des behindertengerecht ausgestatteten Olympischen Dorfes gesichert.

Geilo 1980: Norwegen veranstaltet zum zweiten Mal in der Geschichte der Paralympics internationale Winterspiele für Behinderte. Rund 350 Teilnehmer aus 18 Staaten folgen der Einladung und messen in den verschiedenen Sportarten und -disziplinen ihre Kräfte. Als Demonstrationssportart hat der Abfahrtslauf für Körperbehinderte Premiere.


Urkunde von Kay Espenhayn, Leipzig, die bei den Paralympics 2000 in Sydney die Silbermedaille über 200 m Freistiel gewann.
Aylesbury/New York 1984: Erstmals müssen die Wettkämpfe der Behinderten, für die sich rund 3.000 Teilnehmer aus 45 Nationen angemeldet haben, in zwei verschiedenen Ländern (und Kontinenten) ausgetragen werden: Die Olympiastadt Los Angeles ladet die Rollstuhl­sportler kurzfristig aus, so dass diese in ihrer „Heimat“ England an den Start gehen. Als Novum wird der Rollstuhlmarathon eingeführt. Die anderen Behindertengruppen tragen ihre Wettkämpfe in New York aus. Als neue Sportart wird in das paralympische Programm Fußball für die Cerebralparetiker aufgenommen. Im Unterschied zu den Nichtbehinderten spielen hierbei sieben Sportler in einer Mannschaft.

Innsbruck 1984: Das jugoslawische Sarajevo erklärt sich außerstande, die III. Winterspiele der Behin- derten auszurichten, bindet aber in das olympische Programm Riesenslalom für  körperbehinderte Skiläufer als Demonstrationssportart mit ein. Innsbruck übernimmt die Gastgeberrolle der Winterparalympics und setzt in dieser Funktion Maßstäbe für die Zukunft. Mehr als 350 Athleten aus 22 Ländern erleben vorbildlich organisierte Wettkämpfe.
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Im beschriebenen Zeitraum 1968 bis 1984 finden acht Mal hintereinander sowohl die Sommer- als auch die Winterspiele der weltbesten Gehandicapten nicht in den betreffenden Olympiastädten statt – aus politischen, geografischen und/oder finanziellen Gründen. Und eine weitere Besonderheit: Die sozialistischen Staaten der Erde richten weder die internationalen Wettkämpfe aus noch ermöglichen sie ihren Sportlern eine Teilnahme an den Welttitelkämpfen.

1988 bis 1994: Die Paralympics setzen sich durch

Seoul 1988: Die koreanische Olympiastadt (und auch das spanische Barcelona 1992) wird als Meilenstein der paralympischen Bewegung angesehen, da die Wettbewerbe der Behinderten in den gleichen Trainings- und Wettkampfstätten ausgetragen werden, die für die Nicht­behinderten bereitgestellt wurden. Die Koreaner wenden ein Rekordbudget von 26 Millionen Dollar auf, organisieren für über 3.000 Sportler aus mehr als 60 Ländern eine hervorragende Logistik und Betreuung mit einem bis dahin nie da gewesenen Personalaufwand. Für die Paralympics wird extra ein behindertengerechtes Athletendorf gebaut. Radsport und Goalball kommen 1988 als neue Sportarten ins Programm. Im Radsport starten zur Premiere zunächst nur die Sehbehinderten auf Tandems, bei späteren Spielen können sich auch andere Körperbehinderte in dieser Sportart messen. Goalball dagegen wird bis heute in seiner ursprünglichen Form gespielt: Zwei Mannschaften von blinden und sehbehinderten Sportlern versuchen, den „Klingelball“ ins gegnerische Tor zu befördern.

Innsbruck 1988: Wegen finanzieller und organisatorischer Probleme sagt Calgary, die Stadt der Olympischen Winterspiele, die Ausrichtung der Winterparalympics ab. So führt Innsbruck zum zweiten Mal hintereinander die Winterspiele der Behinderten durch. Die Teilnehmerzahl entspricht in etwa der von 1984.

Barcelona 1992: Wie schon weiter oben angesprochen, stellt auch die spanische Olympiastadt einen Höhepunkt in der Austragungsgeschichte der Paralympics dar. Glänzend organisierte und stürmisch gefeierte Spiele mit begeisterten Zuschauern sowie ein enormes Medieninteresse leiten eine neue Ära ein. Die fast 4.000 Teilnehmer aus rund 94 Ländern wohnen wie zuvor die Nichtbehinderten im Olympischen Dorf. Sie messen ihre Kräfte in „klassischen“ und neuen Sportarten wie Boccia und Tennis für Sportler im Rollstuhl. Deutlich sichtbar wird für die Öffentlichkeit und die Medien ein gestärktes Selbstbewusstsein der Athleten, die nach Weltspitzenleistungen streben und diese mit professionellem Training erreichen. Gleichzeitig beginnt eine internationale Diskussion darüber, ob die Wettbewerbe behinderter Sportler in die Olympischen Spiele der Nichtbehinderten integriert werden oder ob die Paralympics als Spiele mit eigener Identität und Sportkultur erhalten bleiben sollen.

Tignes/Albertville 1992: Die 500 Skisportler aus 24 Nationen finden in Frankreich ideale Trainings- und Wettkampfbedingungen vor. Als neue Demonstrationssportarten für geistig behinderte Sportler werden Ski alpin und Skilanglauf vorgestellt.

Lillehammer 1994: Bereits zwei Jahre später werden die nächsten Winterparalympics durchgeführt – die neue Regelung, die Olympischen Winterspiele im 4-Jahres-Rhythmus zwischen den Sommerspielen stattfinden zu lassen, hat auch zu einer zeitlichen Verschiebung der Winterparalympics geführt. Die norwegische Gastgeberstadt Lillehammer verzeichnet einen neuen Winter-Teilnehmerrekord: Über 1.000 Behindertensportler aus 31 Ländern stellen sich den Kampfrichtern und ringen um die begehrten Paralympics-Medaillen. Als neue Sportart präsentiert sich Eisschlittenhockey, das von zwei Mannschaften mit je fünf Feld­spielern und einem Torwart gespielt wird. Die Sportler sitzen dabei auf kleinen Eisschlitten und nutzen zwei Stöcke zur Fortbewegung sowie zum Schlagen des Pucks.

1996 bis 2002: Die Paralympics werden regelmäßig nach den Olympischen Spielen in derselben Ausrichterstadt durchgeführt

Atlanta 1996: An den Paralympics in den USA nehmen etwa 3.500 Sportler aus mehr als 100 Ländern teil. Neben neuen Demonstrationswettbewerben im Rollstuhl-Rugby und Segeln ist Reiten eine neue paralympische Sportart. Erstmals beteiligen sich auch mental Behinderte an den Spielen. Im Basketball, in der Leichtathletik, im Schwimmen und im Tischtennis treten sie gegeneinander an – ihre Bestenermittlung hat vorerst aber nur „Vorführcharakter“. Die Paralympischen Spiele 1996 erbringen den Beweis, dass Paralympics auch über Sponsoring finanzierbar sind. Doch obwohl der Behindertensport in den USA ein gutes Image hat, bleiben die Organisation und die Berichterstattung in Atlanta weit hinter den Erwartungen zurück.

Nagano 1998: In Japan wetteifern zu den Winterspielen fast 600 Sportlern aus 32 Ländern um Medaillen und Platzierungen in den Sportarten Ski alpin, Skilanglauf, Biathlon, Eisschlittenhockey und Eisschnelllauf. Erstmals finden die Winterparalympics außerhalb Europas statt. Rund 150.000 Zuschauer und 1.500 Medienvertreter aus aller Welt dokumentieren das neue öffentliche Interesse an den Winterspielen der Behinderten.

Sydney 2000: Die Paralympischen Spiele 2000 in Sydney gehen als „beste Paralympics aller Zeiten“ in die internationale Sportgeschichte ein. Die Australier haben die Spiele durch eine großartige Öffentlichkeitsarbeit in der Bevölkerung und in den Schulen so vorbereitet, dass erstmals von einer sensationellen Anteilnahme der Bevölkerung gesprochen wird. Für alle 4.000 Teilnehmer aus 125 Nationen werden die Spiele zum unvergesslichen Erlebnis. Sechs verschiedene Behindertengruppen gehen bei den einzelnen Wettkämpfen an den Start: Rollstuhlfahrer, cerebral gelähmte Sportler, Sehgeschädigte und Blinde, geistig Behinderte, Amputierte und Aktive mit anderen Behinderungen wie z. B. Versteifungen und/oder Verkürzungen von Gliedmaßen („les autres“). Segeln und Rugby sind neue Sportarten im paralympischen Programm, Premiere hat auch das Basketballspiel für geistig Behinderte.
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Bereit für den Flug zu den Paralympics 2000 nach Sydney (v.l.n.r.) Ulrich Iser (ABSV Halle), Abdullah Fadakov (SC Berlin), Hans-Ulrich Prill (Chemnitzer PSV), Martina Willig (SG Stahl Brandenburg), Gerhard Wies (RSC Main-Kinzig), Bernd Mädler (Bundestrainer SC Berlin), Hubertus Brauner (ASV Zwickau) und Marianne Buggenhagen (SC Berlin) am 3.10.2000 im Sportforum Berlin-Hohenschönhausen.
Salt Lake City 2002: Die amerikanische Olympiastadt veranstaltet für 550 Athleten aus 35 Ländern Paralympische Winterspiele. Erstmals wird für die Vorbereitung und Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele ein Komitee eingesetzt, das beide Welttitelkämpfe konzipiert, plant und ausrichtet.
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Nicht erst seit den Paralympics 2000 wird deutlich, dass mit der Zunahme paralympischer Sportarten und -disziplinen das Klassifizierungs- und Wettkampfsystem der Behinderten­sportler für die Öffentlichkeit und für die Medien immer weniger überschaubar wird. Die zahlreichen Starterklassen berücksichtigen die Art und den Grad der körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen der Sportler und sollen einen nahezu gerechten Leistungs­vergleich ermöglichen. Dadurch gibt es in den einzelnen Sportarten und -disziplinen wesentlich mehr Wettbewerbe und Sieger, als dies im Leistungssport der Nichtbehinderten der Fall ist. Das soll am Beispiel der Sportart Leichtathletik verdeutlicht werden: Hier stehen allein 259 verschiedene Ausscheide auf dem Programm. Und allein im 100-Meter-Lauf können 30 Sportler bzw. Sportlerinnen Paralympicssieger werden. Um die Vergabe von Paralympics-Medaillen und -Platzierungen wieder transparenter zu gestalten, versucht man, entsprechende Veränderungen vorzunehmen. Aber der Zusammenlegung und damit einhergehenden Reduzierung von Behindertenklassen sind Grenzen gesetzt ...
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Der Name „Paralympics“

Die Bezeichnung „Paralympics“ wird offiziell seit 1988 zu den Spielen in Seoul verwendet. Bis dahin waren die Namen „Stoke Mandeville Games“, „Weltspiele der Gelähmten“ „Torontoolympiad“ oder „Olympiade der Behinderten“ gebräuchlich. Die Herkunft des heute genutzten Begriffs „Paralympics“ ist nicht eindeutig geklärt. Es sind vier Entstehungsvarianten bekannt:

PARAlysis – OLYMPICS

Zusammensetzung aus den englischen Begriffen für Lähmung und Olympiade,

PARAllel – OLYMPICS

Spiele, die parallel zu Olympischen Spielen ausgetragen werden,

PARA – OLYMPICS

„para“, abgeleitet von der griechischen Silbe für „sich anschließen“,

PARA – OLYMPICS

„para“, abgeleitet von der lateinischen Silbe für „zugehörig, neben“.

1992 entdeckt André Raes, der Generalsekretär des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), bei einem Besuch in Japan, dass der Name „Paralympics“ bereits 1968 in Tokio verwendet wurde. Die Japaner als Ausrichter der „International Stoke Mandeville Games“ benutzten ihn jedoch nur im eigenen Land, da Ludwig Guttmann auf die Verwendung „seines“ Namens bestand. Da die Spiele 1968 ausschließlich für Gelähmte stattfanden, wird vermutet, dass in Tokio „Paralysis“ und „Olympics“ zum Begriff „Paralympics“ geführt haben. Offiziell taucht „Paralympics“ erst zwanzig Jahre später wieder auf.
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Die Paralympics und ihre Symbole

1960 wird bei den ersten olympischen Spielen für Behinderte in Rom das Symbol mit den traditionellen fünf Olympischen Ringen benutzt – wie auch in den folgenden zwanzig Jahren. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts werden die Olympischen Spiele durch das Internationale Olympische Komitee(IOC) jedoch mehr und mehr kommerzialisiert, und der Wert des Wortes „Olympia“ sowie des 5-Ringe-Symbols wird zunehmend vermarktet. Juan Antonio Samaranch, der ICO-Präsident, fordert schließlich 1983 bei einem Treffen mit Dr. Jens Bromann (IPC), dass die Behinderten den „Missbrauch“ von olympischen Begriffen, Bezeichnungen und Symbolen beenden sollen. Im Gegenzug werden Vereinbarungen über finanzielle Unterstützungen an das IPC sowie über die Austragung von zwei Rollstuhl-Demonstrationswettbewerben 1984 in Los Angeles während der Olympischen Spiele getroffen. Von nun an wird an einem eigenen Logo für die Paralympics gearbeitet.
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1988 präsentiert Seoul ein neues Symbol für die Spiele – die fünf „Tae-Geuks“. Die dargestellten fünf Tränen bzw. Tropfen sollen die fünf Meere und Kontinente darstellen, und die W-Form ihrer Anordnung soll von dem ersten Buchstaben des Wortes „Welt“ abgeleitet sein und die Harmonie und Einheit aller Behinderten der Welt zum Ausdruck bringen. Die horizontale Anordnung der fünf „Tae Geuks“ soll die Bereitschaft der Behinderten symbolisieren, aktiv zu werden. Das neue Logo wird nicht nur 1988, sondern auch zu den Winterparalympics 1992 in Tignes/Albertville sowie den Sommerparalympics 1992 in Barcelona genutzt. Doch bereits 1991 äußert das IOC Bedenken gegen das 5-Tränen/Tropfen-Logo und begründet das mit Einwänden verschiedener Nationaler Olympischer Komitees. Argumentiert wird mit der „verwirrenden Ähnlichkeit“ zum offiziellen Symbol der Olympischen Spiele und den daraus resultierenden Beeinträchtigungen bei der Vermarktung durch das IOC. Für die Paralympischen Winterspiele in Lillehammer 1994 wird dem IPC die Verwendung des 5-Tränen/Tropfen-Symbols verboten, die Entscheidung wird aber später revidiert.

Nach der erfolgreichen Einführung des ersten Paralympics-Logos bei den Spielen in Korea und dem darauffolgenden Verbot durch das IOC wird im IPC Ende der 80er Jahre der Entwurf eines neuen eigenen Symbols in Auftrag gegeben. Es entsteht nun ein neues Design, bei dem die Anzahl der „Tae-Geuks“ von fünf auf sechs erhöht wird. Diese sechs Tränen bzw. Tropfen sollen die sechs Behindertenkategorien im IPC symbolisieren. Die „Tae-Geuks“ sind in einem Kreis – ineinander verhakt – angeordnet und stellen die Erdkugel dar, sie stehen sinnbildlich für die Einheit und Harmonie aller Behindertensportler der Welt. Die drei Farben Rot, Grün und Blau sollen die häufigsten Farben der internationalen Flaggen repräsentieren und auf die Elemente Erde, Wasser und Himmel verweisen.

1990/91 wird innerhalb der Mitgliedsverbände des IPC kontrovers über die Einführung – und die damit verbundene finanzielle Belastung – des neuen Logos diskutiert. Im November 1991, auf der Vollversammlung in Budapest, stimmen die Mitglieder gegen das neue Symbol und für die Beibehaltung des 5-Tränen/Tropfen-Designs. Als deutlich wird, dass mit dem Festhalten am „verbotenen“ Symbol keine kooperative Arbeit mit dem IOC möglich ist, wird Ende März 1992 in Frankreich die Veränderung des alten – und geliebten – Logos beschlossen. Nicht nur Geld- und Zeitfaktoren sind ausschlaggebend dafür, dass ein an das 5-Tränen/Tropfen-Symbol angelehntes neues Logo mit drei Tränen/Tropfen entsteht. Das Symbol der Paralympics soll trotz notwendiger Änderungen für die Öffentlichkeit wiedererkennbar sein und die Ziele der Paralympischen Spiele sowie des IPC zum Ausdruck bringen.

1994 bei den Paralympics in Lillehammer werden den Teilnehmern der Spiele und den Zuschauern zwei Flaggen präsentiert: eine mit dem bekannten, aber nicht mehr zugelassenen 5-Tränen/Tropfen-Logo und eine, auf der das neue Logo abgebildet ist. Während der Abschlussfeier wird den Ausrichtern der kommenden Paralympics die zweite Flagge mit dem neuen Paralympics-Symbol übergeben, das seitdem offiziell Verwendung findet: drei in den Farben Rot (Mind = Sinn), Grün (Body = Körper) und Blau (Spirit = Geist) gehaltenen Tränen/Tropfen.
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Die drei Paralympics-Logos im Überblick:
Fünf Tränen/Tropfen in der Anordnung der Olympischen Ringe weichen den in einem Kreis angeordneten sechs Tae-Geuks. Durchgesetzt hat sich schließlich das Symbol der drei Tränen/Tropfen.

Das Paralympische Jugendlager

1992 findet das erste Paralympische Jugendlager in Barcelona statt, das ein Riesenerfolg wird. Nach der gelungenen Premiere stellt die Deutsche Behindertensportjugend (DBSJ) zur 4. Generalversammlung 1993 an das IPC den Antrag, ein Paralympisches Jugendlager künftig zum festen Bestandteil der Behindertenspiele zu machen. Die mit mehrheitlicher Zustimmung vorgenommene Satzungsänderung zählt ab 1998 die Durchführung des internationalen Jugendlagers zu den Pflichten des jeweiligen Paralympics-Ausrichters. Für die Paralympischen Jugendlager gelten die gleichen Leitgedanken und Zielsetzungen wie für das Jugendlager zu Olympia: gemäß der Olympischen Idee einen Beitrag zur Völkerverständigung und zum Frieden auf der Welt zu leisten, das gegenseitige Verstehen durch gemeinsame sportliche und kulturelle Aktivitäten zu fördern, das Gastgeberland, seine Menschen, seine Kultur und seine Geschichte kennen zu lernen sowie – natürlich – die Paralympischen Wettkämpfe zu besuchen. Die DBSJ fordert für die Teilnahme an diesem Jugendlager die leistungsorientierte Mitgliedschaft in einem Behinderten-/Versehrten-Sportverein. Betrachtet man unter diesem Aspekt die 14- bis 18-jährigen Teilnehmer des zweiten Paralympischen Jugendlagers 1996, verwundert es nicht, dass sich unter ihnen die spätere Paralympics-Medaillengewinnerin Verena Bentele befindet ...

Mit Sicherheit ist das Thema „Paralympische Spiele“ mit diesen Ausführungen nicht annähernd vollständig abgehandelt. Anliegen des Beitrages war es jedoch, einen Einblick in die Geschichte der Weltspiele der Behinderten zu geben und das Bedürfnis zu wecken, sich eingehender mit diesem Kapitel der internationalen Sportgeschichte zu beschäftigen. Nachholebedarf haben dabei vor allem die Sportwissenschaftler auf dem Gebiet der ehemaligen DDR: Durch die sportpolitisch gewollte Konzentration auf den Leistungssport der Nichtbehinderten war an den Universitäten und Hochschulen der DDR keine wissen­schaftliche Arbeit zu den Themen Paralympics und Behindertenleistungssport möglich. Die Quellenlage spiegelt dies wider und macht Recherchen zur Geschichte dieses Bereichs des Leistungssports zu einer problembehafteten Angelegenheit. Nicht nur der Behindertensport hat also Versäumtes nachzuholen ...

Silke Klose

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