Editorial
Das Buchprojekt "Historische Sportstätten in Leipzig"
Groß Keglerheim Leipzig, Elsterstraße 22 - 24
Bootshaus, Nonnenstraße 23
Poseidon-Bad, Friedrich-Ebert-Straße
75 Jahre Sportwissenschaft in Leipzig
Die Bob- und Rodelbahn in Altenberg
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Bootshaus, Nonnenstraße an der Elster
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Ostern 1881 ruderten Karl Heine und seine Freunde – sie waren damals Obersekundaner – das erste Mal in der Öffentlichkeit. Das dafür notwendige Boot stellte ihnen Dr. Carl Erdmann Heine, der Vater Karl Heines (1819-1888), zur Verfügung. Zwei Jahre später, am 28. Juni 1883, bekam die Schülervereinigung ein vierrudriges Dollengigboot von ihm geschenkt. Unter einem Dollengigboot versteht man ein Sportboot für vier Personen mit durchlaufendem Dollbord (oberste Planke), Außenkiel und Planken, die mit den Kanten dachziegelartig übereinander greifen (Klinkerbau). Es ist ca.70 cm breit, 11 m lang und wiegt etwa 80 kg. Dieses Boot tauften die jungen Ruderer noch am gleichen Tag auf den Namen „Sturmvogel“. Damit gilt der 28. 6. 1883 zugleich als Gründungsdatum des Rudervereins (RV) „Sturmvogel“. Die ersten Mitglieder waren Karl Heine, Erich Neudeck und Karl Naumann. Ihnen gesellte sich bald darauf Paul Götz zu.


Stadtteil:
Plagwitz

Standort:
Nonnenstraße an der Elster

Areal:
ca. 1.500 m²

Grund und Boden:
Dr. Carl Heine

Erbaut:
1884-1885

Eröffnung bzw. Bootshausweihe:
14. Mai 1885

Bauausführung:
Maurermeister Steyer und
Zimmermeister Pfefferkorn

Kostenaufwand:
unbekannt

Größe der Bootshalle:
14,75 m x 6,00 m = 88,50 m², 
Höhe 4,80 m

Größe des Turmes:
4,00 m x 4,00 m = 16,00 m², 
Höhe 13,80 m

Nun benötigte man unbedingt eine Unterkunft für die Boote. Gustav Hennigke, der damalige 1. Vorsitzende des Vereins, stellte am 5. September 1884 an die königliche Amtshauptmannschaft Leipzig das dringende Gesuch, ein Bootshaus für die Unterbringung der Sportgeräte zu bauen. Schließlich sollten die Boote im Winter nicht unter freiem Himmel lagern. Das dafür angedachte Areal gehörte Dr. Carl Heine. Bekannt als Pionier der Industrialisierung des Leipziger Westens –z. B. engagierte er sich sehr für die Entstehung eines leistungsfähigen sächsischen Eisenbahnsystems – und als großer Gönner dieser Sportart, unterstützte er die Bemühungen von Gustav Hennigke nach besten Kräften. Für die Boote sollte der Schuppen „aus einem großen, hohlen von massiven Umfassungswänden, aus Backsteinen hergestellten Raume“ bestehen. Tiefer als die Einfriedungsmauer sollte das Holzzementdach liegen und von der Straße aus nicht sichtbar sein. Ein kleiner Backsteinturm sollte als Zierde dienen und vom Innern des Raumes aus für die Bootsfahrer durch eine Leiter zugängig gemacht werden. Weiterhin geplant war ein 18 m hoher Fahnenmast, rechts und links an den Zinnen des Turmes verankert, an dem die Vereinsfahne wehen sollte.

Die Baugenehmigung bekam der Ruderverein dann auch am 26. September 1884. Endlich konnten die kühnen Ideen in die Tat umgesetzt werden. Am 14. Mai 1885 fand die feierliche Weihe des ersten massiven, bugartigen Bootshauses am Eingang des Elster-Saale-Kanals, dem heutigen Karl-Heine-Kanal, statt. Die Kosten für das Bootshaus übernahm Dr. Carl Heine. Leider gibt es dazu in den Bauakten keine Informationen.

Ehrensache war es für den „Sturmvogel“, an der ersten großen Leipziger Regatta am 6. Juli 1884 auf der Elster zwischen Plagwitz und Schleußig teilzunehmen. Auf einer Strecke von 2.300 m mit Drehpunkt kämpften fünf Rudervereine um Lorbeeren. Die Rennen wurden in schweren Tourengigs gefahren. Am Bug hing die Vereinsflagge, sie sollte den Zuschauern Auskunft über die teilnehmenden Vereine geben. Als Kuriosum sei erwähnt, dass der RV „Sturmvogel“ das gemeldete Gig-Zweier-Rennen in einem Gig-Vierer gewann. Er besaß keinen Zweier ...

Ein Jahr später, im Juni 1885, fand die zweite Leipziger Ruderregatta statt. Erneut konnte der Verein stolz einen Sieg erringen. Nach Beendigung der Wettkämpfe stattete der spätere König Friedrich August mit seinen Brüdern Max und Johann Georg dem Bootshaus einen Besuch ab, was für alle eine besondere Ehre war. Auch bei einer auswärtigen Regatta, auf dem salzigen See bei Oberröblingen, konnte der „Sturmvogel“ erstmals zwei Siege erringen.

Der bauliche Zustand des Bootshauses im Oktober 1977

Das Bootshaus des Rudervereins "Sturmvogel" (rechts) um 1900

1886 kaufte der Verein seinen ersten Rennvierer. Nun musste über einen Anbau an das bestehende Bootshaus nachgedacht werden. Am 30. April 1888 erhielt der Verein die Baugenehmigung, und bereits am 28. Juli des gleichen Jahres konnte die Vollendung angezeigt werden. 1897 räumte die Witwe Dr. Heines der neben dem Bootshaus befindlichen sächsischen Wollgarnfabrik „Tittel und Krüger“ Lichtrecht ein. Die Firma „Tittel und Krüger“, die späteren Buntgarnwerke, war 1866 gegründet worden und seit 1875 in der Nonnenstrasse ansässig. Sie reichte bis an die nördliche Giebelseite des Bootshauses. Friederike Heine forderte, dass sämtliche Fenster der Firma mit mattem oder undurchsichtigem Glas zu verglasen sind, damit es unmöglich werde, in die Fenster des Bootshauses hineinzusehen.

Die stetige Entwicklung des Rudervereins führte dazu, dass das Bootshaus für die Zahl der Vereinsmitglieder und deren Ansprüche zu klein wurde. Aus anfänglich 30 Mitgliedern 1885 wurden bis 1902 stattliche 104. Außerdem hatte der Aufenhalt im Bootshaus mittlerweile an Annehmlichkeit verloren, da der von „Tittel und Krüger“ überlassene Garten einem riesigen Fabrikneubau Platz machen musste. Aus diesem Grunde wurde 1898 ein Ausschuss zur Erwerbung eines neuen Bootshaus-Bauplatzes berufen. Dieser bekam jedoch erst 1903 vom Rat der Stadt Leipzig pachtweise ein entsprechendes Grundstück zugewiesen. Bis zum Umzug in das neue Bootshaus am Klingerweg im Jahre 1904 nutzte der RV „Sturmvogel“ sein Domizil in der Nonnenstraße.

Neue Eigentümer dieses alten Bootshauses wurden die akademische Rudervereinigung „Markomannia“, die sich 1904 gründete, und der Thomaner Ruderverein. Seit 1890 war schon an der Thomasschule gerudert worden, doch erst 1903 gründete man den Thomaner RV. Sein Ziel war es, die Thomaner gezielter an den Rudersport heranzuführen und ihnen die sportliche Betätigung „schmackhaft“ zu machen. Der Verein widmete sich dem Wanderrudern; das wettkampfmäßige Rennrudern kam erst später auf. Im RV „Markomannia“ haben sich dann die dem Thomaner RV entwachsenen Ruderer zusammengefunden.

Aber auch für den RV „Markomannia“ war das Bootshaus in der Nonnenstraße bald zu klein. Am 6. Oktober 1930 wurde deshalb die Genehmigung für die „Herstellung eines als Flügelbau anzusehenden eingeschossigen Anbaues an das bestehende“ Gebäude bei der Baupolizeibehörde des Rates der Stadt Leipzig beantragt Die Baugenehmigung wurde am 20. Oktober 1930 erteilt. Die Fertigstellung der baulichen Maßnahmen konnte dem Tiefbauamt am 2. Dezember 1930 mitgeteilt werden. Wenige Jahre später, am 25. Oktober 1933, bat „Markomannia“ erneut um eine Baugenehmigung. Durch eine Aufstockung der Bootshalle sollten ein Aufenthaltsraum für ca. 15 Personen und fünf Schlafräume für zehn Personen gewonnen werden. Um einen besseren Wärmeeffekt zu erzielen, sollte eine bestimmte Gesteinsschicht zum Einsatz kommen. Eine Isolierung aus Heraklithplatten war für die Dachfläche vorgesehen. Des Weiteren sollte die Straßenansicht architektonisch bereinigt werden. Durch das Tiefbauamt wurde die Genehmigung zum Baubeginn am 25. Januar 1934 erteilt. Schon am 16. Februar 1934 war der Rohbau des geplanten Clubhauses fertiggestellt. Doch erst am 18. Dezember 1935 erfolgte die Schlussprüfung.

Bis 1945 gehörte das Bootshaus in der Nonnenstraße „Markomannia“. Zum Glück überstand das Gebäude die schlimme Zeit des Krieges mit nur leichten Schäden. Nach Kriegsende zogen Kanuten in das Traditionsgebäude. Bis 1990 war es die Heimstätte der Sektion Kanuslalom der BSG Stahl Südwest. Ende 1993 wurde es das neue Zuhause für das Kanu- und Freizeitzentrum Südwest. Anfang 1994 begann die langwierige Sanierung des über 115 Jahre alten Hauses durch den jetzt dort ansässigen Verein, der im Februar 1996 den endgültigen Pachtvertrag über das 1.500 m² große Areal erhielt. Unterstützung findet er bei den umfangreichen Arbeiten durch die Stadt Leipzig. Doch den Löwenanteil bringen die Sportler selbst auf, damit in naher Zukunft dieses architektonische Kleinod wieder im alten Glanz erstrahlt.

Andrea Nebe
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