Editorial
Das Buchprojekt "Historische Sportstätten in Leipzig"
Groß Keglerheim Leipzig, Elsterstraße 22 - 24
Bootshaus, Nonnenstraße 23
Poseidon-Bad, Friedrich-Ebert-Straße
75 Jahre Sportwissenschaft in Leipzig
Die Bob- und Rodelbahn in Altenberg
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Poseidon-Bad (Freibad), Friedrich-Ebert-Straße
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Das Poseidon-Bad war die Sportstätte des berühmtesten Leipziger Schwimmclubs, des „1. Leipziger Schwimm-Club Poseidon von 1900 e. V.“, dem es nach einem ersten, erfolglosen Versuch im Jahre 1914 zwölf Jahre später endlich gelang, sich eine eigene Schwimmstätte zu schaffen. Dazu wurden „die letzten 150 m des Flußbettes der jetzt bis zur Christianstraße zugeschütteten alten Elster benutzt. Dieser Teil ... (wurde) am Einfluß des Elstermühlgrabens abgeriegelt, entleert, um ca. 7 m verbreitert und durch Betonwände begrenzt.“

Die Mitglieder des Vereins trainierten hier und trugen Wettkämpfe aus. Darüber hinaus war es für alle Damen, Herren und Jugendlichen des Schwimmclubs Poseidon Ehrensache, die Rettungsschwimmerausbildung im vereinseigenen Bad zu erlangen. Und hier war auch der Ort ihrer Club-Versammlungen. Nationale Veranstaltungen wie Gaufeste, Sachsenmeister­schaften, aber auch Schwimmfeste mit internationaler Beteiligung fanden in der Badeanstalt statt, bei denen die „Poseidonen“ so manchen Sieg erringen konnten.


Stadtteil:
Mitte

Standort:
Gelände längs der Straße "An der alten 
Elster" (später Hindenburg-, dann 
Friedrich- Ebert-Straße) zwischen Kolmarer Straße (jetzige Goyastraße) 
und Leutzscher Allee, unmittelbar bis 
zum Elstermühlgraben

Areal:
18.500 m²

Grund und Boden:
städtisches Eigentum, Pachtland

Erbaut:
1926

Eröffnung:
20. Juni 1926

Architekten:
Kurt Müller, Walter Vaas (Leipzig)

Bauherr:
Poseidon Badbau-GmbH 
(gegründet: 15. 12. 1925)
1. Leipziger Schwimm-Club 
Poseidon von 1900 e. V.

Bauausführung:
Firma C. Brömme, 
Hoch-, Tief-, Eisenbetonbau (Leipzig)

Kostenaufwand:
unbekannt

Größe des Beckens:
1 Becken, durch eine hölzerne Brücke 
in 2 Flächen von 100,00 x 22,00 m 
(für Schwimmer) und 30,00 x 22,00 m 
(für Nichtschwimmer) unterteilt, sowie 
ein Planschbecken („Babybädchen“)

Ausstattung:
Sprungturm, Sandstrand, beiderseits des Beckens terassenförmig aufgebaute Zuschauerplätze, Liegewiesen, Umkleide- kabinen, Spielplatz mit Turngeräten, Gast- wirtschaft bzw. Vereinskantine mit Frei- sitzen, Aborte

Besonderheiten:
Frischwasserzufuhr für Schwimmbecken durch Untermulden-Wasserstrom, der als Grundwasser aus der Beckensohle hervor- strömte Flusssand als Boden- belag der Becken

Umbauten:
Ersatz der unzulänglichen Zugangswege zum Bad durch neue gepflasterte Straßen 1928/29

Aktuelle Situation:
Abbruch der Badeanstalt zwischen 1946 und 1948 am Standort jetzt Lager- und Abstellplätze der Stadtreinigung

Schwimmer wie Kurt Eckstein, Eberhard Koppen, und Herbert Heinrich, elffacher Deutscher und zweifacher Europameister in den 20er Jahren, oder die Weltrekorddamen Erna Murray, mehrfache deutsche Meisterin und Weltrekordinhaberin im Brustschwimmen 1925, sowie Herta Wunder – im Verein liebevoll „Unser großes Wunder“ genannt –, hatten hier ihre Heimstatt. Herta Wunder startete mit 15 Jahren bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam, wo sie mit der deutschen 4 x 100-m-Damenstaffel den 4. Platz belegte. Bei den bereits genannten Schwimmfesten mit internationaler Beteiligung war z. B. am 21. August 1928 die japanische Schwimm-Olympia-Mannschaft mit dem Weltmeister Tsuruta zu Gast, während am 17. Juli 1930 die ungarische Nationalmannschaft im Poseidon-Bad weilte. In ihren Reihen war mit Dr. István Bárány der damals schnellste 100-m-Schwimmer der Welt vertreten.

Das Poseidon-Bad war jedoch nicht nur eine Trainings- und Wettkampfstätte für die Schwimmsportler, sondern auch ein von der Leipziger Bevölkerung bevorzugtes öffentliches Familien- und Freizeitbad. In den Sommermonaten lud es von 6.00 Uhr bis 20.00 Uhr zum Baden und Erholen ein. Die Besucher wussten die besonderen Vorzüge des Freibades – seine landschaftlich reizvolle und windgeschützte Lage sowie den herrlichen Baumbestand – zu schätzen. Auch jüdische Mitbürger Leipzigs gehörten zu den Badegästen. An vier Wochentagen stand das Poseidon-Bad jeweils bis 17.00 Uhr den Leipziger Schulen unentgeltlich zur Verfügung.

Ein weiterer und ganz besonderer Vorzug des Poseidon-Bades war, dass die Neufüllung der Schwimmbecken (nach deren vollständiger Leerung) nicht etwa durch den gleich neben dem Bad fließenden Elstermühlgraben erfolgte, sondern durch den Untermulden-Wasserstrom, der als Grundwasser in unzähligen Quellen durch den Bodenkies drang. Von ärztlicher Seite wurde mehrfach auf den belebenden und stärkenden Einfluss des stark eisenhaltigen und daher gelblich gefärbten Wassers auf den menschlichen Organismus hingewiesen. Man hat die Erbauer des Bades damals sogar beglückwünscht, mit dem Poseidon-Bad in Leipzig einen vollwertigen Ersatz für teure Eisenbäder geschaffen zu haben.

Die rührige Verwaltung des Poseidon-Bades scheute keine Mühe, um allen Wünschen – auch denen der verwöhntesten Besucher – gerecht zu werden, und sorgte sich daher in vorbildlicher Weise um alle Voraussetzungen, die für ein belebendes Bad in Licht, Luft, Sonne und Wasser unerlässlich sind. Dazu gehörten neben der regelmäßigen Säuberung der Schwimmbecken und Strandanlage – für die immer wieder neuer Sand herbeigeschafft wurde – auch die Beseitigung von Frostschäden an Bäumen und Strauchwerk durch fachkundige Gärtner. Auch an die Bedürfnisse der kleinsten Besucher wurde von Anfang an gedacht: Dem Nichtschwimmerbecken war ein Planschbecken, auch „Babybädchen“ genannt, vorgelagert, in dem sich die Jüngsten nach Herzenslust tummeln konnten. Und zum Spielen fanden sich große Mengen feinsten Sandes.

In der warmen Jahreszeit wurden im Poseidon-Bad die beliebten Rosenabende, Pfingstpartien, Sonnenwendfeiern, Sommer- und Herbstfeste sowie auch spezielle Kinderveranstaltungen durchgeführt. Während sich die Kleinen bei Eierlaufen, Sackhüpfen, Armbrustschießen und ähnlichen Spielen vergnügten, nutzten die Erwachsenen die Angebote zum Tanz im Freien, Preiskegeln und Preisschießen sowie zu Skatturnieren oder feuchtfröhlichen Herrenkommersen. Für eine entsprechende Beköstigung der Gäste war durch die auf dem Badgelände befindliche Gastwirtschaft mit ihren schattigen Freisitzen und zahlreiche „Milch- und Würstchen-Pavillons“ im angrenzenden Wald ebenso gesorgt wie für Belustigungen „am Rande“, von denen hier nur die Tombolas oder die Lampionlichterfeste zu später Stunde genannt sein sollen.


Das Poseidon-Bad im Bau: Ausführung der Erd- und Holzspundwände durch die Leipziger Firma C. Böhme 

Schwimmer und Nichtschwimmerbecken 
des Poseidon-Bades um 1930
Auch außerhalb der Wasserbecken hatte man sich auf den Wunsch nach sportlichen Betätigungs- möglichkeiten eingestellt: Kindern und turnkundigen Badbesuchern standen Turn- und Sportgeräte aller Art zur Verfügung, die individuell oder gemeinschaftlich genutzt werden konnten. Selbst öffentliche Gymnastik- stunden wurden im Poseidon-Bad durchgeführt. In dem nur wenige Schritte hinter dem Strand befindlichen Wald mit seinem gepflegten Baumbestand und der darin herrschenden angenehmen Kühle wurde häufig Ball gespielt. Das Fußballspielen in der Badeanlage war jedoch strengstens verboten!

Obwohl sich das Poseidon-Bad seit seinem Bestehen großer Beliebtheit erfreute und auch aus hygienischer Sicht sehr geschätzt wurde, musste die Stadt bereits Mitte der 30er Jahre eine Schließung des Bades erwägen, da der Betrieb nicht mehr wirtschaftlich war. Die Leipziger Stadtverordneten beschlossen, das Freibad als billiges Volksbad durch die Stadt weiter zu betreiben, allerdings sollten keine Investitionen mehr getätigt werden. Man ging letztlich sogar soweit, einzelne Holzbauten abzutragen und andere Bäder damit auszustatten.

1941 wurde das Bad dann geschlossen, da sich sowohl die Wasserbecken als auch das umgebende Gelände in einem vernachlässigten und heruntergekommenen Zustand befanden. Zwischen 1946 und 1948 beseitigte man die Becken und füllte die entsprechenden Gruben wieder mit Erde auf. Gaststätte und Umkleidekabinen wurden bis auf die Fundamente abgerissen. Das gesamte ehemalige Badgelände wurde dem Betrieb der Stadtreinigung Leipzig zugeordnet. Heute befinden sich hier Streugutlager, ein Kehrichtlagerplatz, Abstellplätze für Autos sowie eine Wiese.

An das einst so beliebte Poseidon-Bad, das für die Sportler des 1. Leipziger Schwimm-Clubs Poseidon von 1900 e. V. eine ideale Trainings- und Wettkampfstätte und für die Leipziger Bevölkerung ein begehrtes sommerliches Ausflugsziel war, erinnern heute nur noch Zeichnungen und Fotos in Stadt- und Privat- archiven. An seinem ursprünglichen Standort aber wird man sicher nicht mehr fündig. Ein paar Bauarbeiter haben bei Ausschachtungsarbeiten auf dem ehemaligen Badgelände einige hellblau geflieste Scherben gefunden – die wohl wirklich letzten Überreste der einstigen Badeanstalt ...

Dieter Valentin

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