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Das Ende einer Odyssee? Die
Thüringer Wintersportausstellung in Oberhof |
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Während einer
Umschulung zum Touristikassistenten begann ich im Oktober 1991 als
Praktikant mit dem Sammeln von sporthistorischen Sachzeugen, um den
Oberhofer und Thüringer Wintersport in Vergangenheit und Gegenwart
dokumentieren zu können. Die Situation war damals äußerst
kompliziert, denn die kleine ständige Wintersportausstellung, die der
DTSB 1978 am Wadeberg eingerichtet hatte, war verschwunden, ich fand
lediglich einen leeren Raum vor. Das war in der Nachwendezeit kein
Einzelfall: Viele Bürger in und um Oberhof begannen 1990, die
Vergangenheit zu „entsorgen“ und vernichteten dabei auch – ob
bewusst oder unbewusst – Dokumente ihrer eigenen (Sport-)Geschichte.
Ein Großteil historischen Materials zu den Anfängen des Wintersports
in Oberhof, die Kuranzeiger und Kurlisten von 1888 bis 1938, gingen auf
diese Weise verloren. Mit meinem Wunsch nach
Aufarbeitung der regionalen Sportgeschichte stieß ich zur damaligen
Zeit nicht gerade auf öffentliches Interesse und noch weniger auf die
Bereitschaft der Bevölkerung, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen.
Dennoch gab es erste Fortschritte beim Aufbau einer Wintersport-
sammlung
und -ausstellung, und zwar dank einer auf zwei Jahre befristeten AB-Maßnahme,
die die Oberhofer Kurverwaltung ab 1. März 1992 eingerichtet hatte. Zunächst
musste eine Sportchronik erarbeitet werden, um die Entwicklung der
Wintersportarten und -disziplinen im Thüringer Raum systematisieren und
bestimmte Etappen herausarbeiten zu können. Begonnen wurde mit dem
ersten nachweisbaren Skiläufer im Thüringer Wald 1884 ... Die Arbeit
an der Chronik schloss auch ein, Ergebnislisten von Meisterschaften –
beginnend mit dem ersten offiziellen Wettkampf 1905 – zu erstellen.
Anschließend wurden Kontakte zu mehr als 100 noch lebenden Zeitzeugen
des Wintersports geknüpft, um persönliche Erinnerungen und Erlebnisse
einzuholen und diese in die Sportgeschichts- dokumentation mit
einzubeziehen. Mitunter musste eine regelrechte Ahnenforschung betrieben
werden, um an die Aktiven von einst heranzukommen. Aber nicht alles war mühselige
Kleinarbeit, manchmal kam dem Chronisten auch der berühmte Zufall zu
Hilfe und bescherte ihm unverhofftes (Finder-)Glück: so beispielsweise
1993, als er bei seinen Nachforschungen zur Thüringer
Wintersportgeschichte in Berlin auf Teile des Altbestandes vom
„Deutschen Sport-Echo“ stieß und diese nach Oberhof überführen
durfte. Und die Glückssträhne hielt weitere freudvolle Momente bereit:
In ehemaligen Ferienheimen des FDGB war so manche Vitrine „übrig“,
die der künftigen Wintersportausstellung überlassen wurde. Auch die
Schlossmuseen in Meiningen, Gotha und Schmalkalden sonderten alte
Vitrinen und Schautafeln aus, die zum Grundstock der Oberhofer
Exposition werden sollten. Um die Gunst der Stunde(n) nutzen zu können,
musste man natürlich stets mit einem entsprechenden Fahrzeug zur Stelle
sein ... Als eine ergiebige
Quelle für das Auffinden sporthistorischer Sachzeugen erwiesen sich
auch Trödelmärkte und Sperrmüllaktionen. Auch wenn ich mitunter
Gefahr lief, als „Wühlmaus“ verschrieen zu werden: Die Suchaktionen
waren meist erfolgreich. Mit meinem Bekanntheitsgrad in Oberhof wuchs
schließlich auch das Entgegenkommen der Stadtväter, Vereine und Verbände,
die entstehende Wintersportausstellung zu unterstützen. Aus dem
Nachlass des ASK Vorwärts Oberhof wurden mir zwei Viererbobs übergeben,
und als auf dem Bauhof der Stadt Oberhof ein Fünferbob von 1924
aufgefunden wurde, war ich einer der ersten, der davon erfuhr ... So kam
ein Exponat zum anderen, und allmählich konnte daran gedacht werden,
diese Zeugnisse der regionalen Wintersportgeschichte öffentlich zu präsentieren. Im November 1993 konnte
die erste Oberhofer Wintersportausstellung nach der Wende in den
Eingangsräumen des Gaststättenkomplexes Oberer Hof eröffnet werden.
Der Landessportbund Thüringen hatte 3.000,- DM für den Bau von
Schaukästen zur Verfügung gestellt und auf diese Weise dazu
beigetragen, dass die Exposition in der geplanten Gestaltung realisiert
werden konnte. Leider erwies sich im Laufe der Zeit, dass der
Veranstaltungsort nicht gerade ausstellungsfreundlich war. Die Kopplung
von Ausstellungs- und Gaststättenbetrieb führte zu ungeahnten
Problemen, und es grenzte schon an ein Wunder, dass nur einmal eine
Vitrine aufgebrochen und ein Schaukasten eingeschlagen wurde(n). Ein
„aufmerksamer“ Kellner hatte damals die Spuren der Gewaltaktion
schnell beseitigen wollen und alles auf dem Fußboden Befindliche
zusammengefegt und in den Abfallbehälter geschüttet. Vier Stunden lang
durchforstete ich im Anschluss daran den Müllcontainer, um alle
Ausstellungsstücke wieder herauszuholen. Nicht eines musste als Verlust
abgeschrieben werden ... Mit der Ausstellungseröffnung
war zwar vieles, aber nicht alles geschafft: Alle Sachzeugen, die nicht
in der Exposition gezeigt werden konnten, mussten sicher untergebracht
und verwahrt werden. Dazu bot sich dankenswerterweise der Keller der
Kurverwaltung an. Bücher und Dokumente wanderten in die neue
Sportbibliothek, die 1993 im Oberhofer Sportgymnasium eingerichtet
wurde. Zu den anfänglich 1.000 Bänden im Bestand kam im Laufe der
Jahre eine Vielzahl weiterer Publikationen hinzu, und heute steht den
Nutzern – unter ihnen viele Journalisten und Studenten – ein
sportwissenschaftliches Archiv zur Verfügung, das weithin einen guten
Leumund hat. Besonders stolz war(en)
ich und alle, denen die Oberhofer Wintersportausstellung mittlerweile
ans Herz gewachsen war, darüber, dass alte dokumentarische
Filmaufnahmen, in denen Wintersportthemen behandelt wurden bzw.
Meisterschaften in Wintersportarten und -disziplinen festgehalten waren, preisgünstig angekauft werden konnten.
Diese Aufzeichnungen wurden später zum Anziehungspunkt der Exposition,
nachdem wir uns entschlossen hatten, sie den Besuchern als Video vorzuführen.
Auch ein Fünf-Minuten-Film über Wintersporthöhepunkte des Jahres 1909
in Oberhof wurde auf diese Weise zum Publikumsmagnet ... Als der
Obere Hof zum 1. Januar 1995 überraschend Insolvenz anmeldete, musste
die Wintersport- ausstellung „von heut’ auf morgen“ abgebaut werden.
Ein Projekt im Berghotel scheiterte an läppischen 250,- DM Monatsmiete,
die niemand bezahlen wollte. Schließlich fand sich eine leer stehende
Turnhalle am Harzwald, die nach der Wende einige Jahre als
Lebensmittelmarkt gedient hatte und der Exposition nun einen Ausweg bot.
Mit 5.000,- DM aus der Stadtkasse konnte ein Neuanfang gewagt werden.
Auf einer Fläche von 12 m x 26 m fanden rund 3.600 Exponate aus allen
Bereichen des Wintersports ihren Platz. Der Schwerpunkt lag auf dem
Leistungssport, hatten doch über 300 ehemalige Aktive durch Schenkungen
und Leihgaben den Fundus der Sammlung um zum Teil einmalige persönliche
Erinnerungs- stücke bereichert. 23 Vitrinen und 106 Schautafeln sowie
Schaukästen sorgten für eine ansprechende Präsentation der
sporthistorischen Sachzeugen. Vom 6. Mai 1995 bis 12. September 2001
wurden – bei täglichen Öffnungszeiten – weit mehr als 70.000
Besucher gezählt. Die Ausstellung behandelte im Einzelnen: die Ursprünge
des Skisports in Skandinavien sowie dessen Anfänge im Thüringer Wald
um 1900, Thüringer, deutsche und internationale Skimeisterschaften bis
1945, den Neubeginn und Aufschwung des Skisports in der DDR bis 1969,
die Olympischen Winterspiele von 1924 bis 1998 sowie die Erfolge der Thüringer
Wintersportler, den Patrouillenlauf und dessen Entwicklung zum modernen
Biathlonsport, Wintersport und Fremdenverkehr in Oberhof, die
Traditionen des Eissports, Kinder-, Jugend- und Volkssport im
winterlichen Thüringen, die Geschichte des Rennrodelsports in Thüringen,
Oberhof als Zentrum des deutschen und internationalen Bobsports seit
1906 und – last but not least – die Städtepartnerschaft von Oberhof
und Lillehammer. |
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![]() Gäste aus der Partnerstadt Lillehammer bei einem ihrer zahlreichen Ausstellungsbesuchen in Oberhof. |
![]() Auch für Reisegruppen aus den alten Bundesländern war und ist ein Fototermin im Federkufenbob von Wolfgang Hoppe ein Erlebnis. |
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... So reizvoll die Exponate
der Ausstellung und so besucherfreundlich die Öffnungszeiten auch
waren: Bei Eintrittspreisen von 2,- bis 3,- DM blieb die Exposition ein
Zuschussgeschäft, von Gewinnerwirtschaf- tung konnte schon gar keine Rede
sein. Der Wintersportausstellung blieben zwar die Mietzahlungen erspart,
denn die Turnhalle wurde vom Landessportbund Thüringen kostenfrei zur
Verfügung gestellt, jedoch mussten (und konnten!) die laufenden
Betriebskosten aus eigenen Mitteln bestritten werden. Jährlich waren das
ungefähr 25.000,- DM. Welche Leistung das war und ist, wird einem erst
so recht deutlich, wenn man bedenkt, dass die tägliche Öffnung der
Ausstellung auch dann aufrechterhalten wurde, als die dafür
vorgesehenen AB-Maßnahmen über die Stadt Oberhof ausgelaufen waren und
ich allein „auf verlassenem Posten stand“. Wie ich es in diesem
insgesamt einen Jahr dennoch geschafft habe, täglich Besucher zu
empfangen, wird mein Geheimnis bleiben ... Rückblickend
relativiert sich so manches, was einem in der jeweiligen Situation
Sorgen bereitet hat. Das gilt auch für die – prozentual gesehen
verschwindend wenigen – Kontra-Meinungen, die einzelne Besucher
angesichts der Ausstellung äußerten: Während der eine Gast unbedingt
„die Ausstellungs- vitrinen mit den Dopingmitteln“ sehen wollte,
verlangte ein anderer nach der Lötlampe, mit deren Hilfe die
DDR-Sportler einst „so betrügerisch gewonnen“ hätten:
„Eigentlich müsstet Ihr jetzt alle Gold- medaillen zurückgeben!“
Eine kleine Gruppe angetrunkener Beamter im Ruhestand wollte sogar
„den ganzen Mist verbrennen“. Nicht weniger hemmungslos trat eine
ehemalige, aber weniger bekannte Sportlerin auf, die vehement die
Entfernung ihres Fotos aus der „Ausstellung der Oberhofer
Staatssicherheit“ forderte. Wir begegneten diesen Entgleisungen mit
Besonnenheit und einer klaren Haltung: Natürlich gab und gibt es in
Ausstellungen wie der unseren – die zugegebenermaßen ein wenig „DDR-lastig“
war und ist – Diskussionen zwischen den Besuchern über das Gezeigte
und dessen Hintergründe, doch das ist gewollt. Die Exposition soll eine
Begegnungsstätte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und
Lebensweise sein und sie miteinander ins Gespräch bringen. Und sie soll
helfen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dass wir damit richtig
lagen und liegen, beweisen uns die zahlreichen Eintragungen in die
insgesamt zehn Gästebücher. Unter ihnen finden sich anerkennende und
Mut machende Worte, die von Manfred von Richthoven über Prof. Walther
Tröger bis hin zu Prof. Günter Erbach reichen. Und neunmal in sechs
Jahren besuchten Fernsehteams die Oberhofer Wintersportausstellung. Die
gegenwärtige Fangemeinde der Exposition reicht vom Nordkap bis nach
Genua. Bis September 2001
konnte die Ausstellung in der ehemaligen Sporthalle am Harzwald gehalten
werden – dank des Zusammenwirkens von Stadt, Landessportbund,
Oberhofer Wintersportvereinen, einzelnen engagierten Personen und dem
Suhler Arbeitsamt. Im November 1998 war ein neuer Mitstreiter
hinzugekommen: der Trägerverein der Thüringer Wintersportausstellung
Oberhof e. V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Existenz und
Entwicklung der Exposition bzw. Sammlung zu sichern. Während der Verein
im Jahr 2000 noch 21 Mitglieder zählte, sind heute 96 Freunde und Förderer
der Oberhofer Ausstellung in ihm ehrenamtlich tätig. Die
Vereinsvorsitzende ist keine geringere als die Olympiasiegerin Margit
Schumann ... Der Verein war zur rechten Zeit gegründet worden, denn es brachen schwere Zeiten an: Der 1. Juli 1999 brachte das „Beschäftigungs-Aus“ für den Gründer und Leiter der Ausstellung. Sechs Jahre lang war ich vom Arbeitsamt Suhl gefördert worden, und ein Jahr hatte ich als Angestellter des Wintersportvereins Oberhof gearbeitet. Jetzt waren alle Fördermöglichkeiten erschöpft, und mir blieb nichts weiter übrig, als in den folgenden zwei Jahren ehrenamtlich als Chef von zwei ABM-Kräften tätig zu werden, wollte ich nicht riskieren, das mühsam Geschaffene einer ungewissen Zukunft entgegengehen zu sehen. Neben der Arbeitskräftesituation lähmte aber auch die Angst vor dem drohenden Abriss der Turnhalle und dem damit verbundenen Abbau der Ausstellung. Und schließlich wurde es zur traurigen Gewissheit: Der Eigentümer der Immobilie forderte Anfang August 2001 die Betreiber der Wintersportausstellung auf, die Halle bis zum 30. Oktober des Jahres vollständig zu räumen. Chaos und Verzweiflung waren vorprogrammiert ... In dieser fast
ausweglosen Lage begann sich die Gotha Engineering GmbH
Verwaltungsgesellschaft,
für wirtschaftliche und kulturelle Belange in der Stadt sowie im
Ausstellungs-Trägerverein zu engagieren. Sie hat den Bau eines Park-
und Geschäftshauses im Zentrum Oberhofs geplant, in dem die Wintersport-
ausstellung zu günstigen finanziellen Konditionen eine neue
Heimstatt finden sollte. Da sich die Baumaßnahmen aber verzögerten,
ließ sich der geplante Umzug von der ehemaligen Turnhalle in das neue
Domizil noch nicht realisieren. Die Rettung kam wiederum von der Gothaer
Firma: Sie bot den Oberhofern den ehemaligen Marstall des Schlosses
„Friedenstein“ in ihrer Stadt für eine Sonderaus- stellung über die
Thüringer „Boblegende“ Otto Griebel und eine Überblicksexposition
zur Thüringer Wintersportgeschichte an und eröffnete damit neue
Perspektiven. Aufgeschreckt, weil einen gänzlichen Umzug der
Wintersportausstellung nach Gotha befürchtend, begannen sich nun auch
die Oberhofer zu rühren. Nach Protesten und Unterschriftensammlungen
fand sich mit einem Male auch in Oberhof ein größerer Raum für eine
repräsentative zeitweilige Exposition. Zeichnet sich damit nun endlich
das Ende einer jahrelangen Odyssee ab? Zunächst einmal hatten
und haben die beiden Raumangebote den Aufbau von zwei Ausstellungen zur
Folge: In einer Rekordzeit von 16 Tagen wurde in Gotha die geplante
Exposition auf die Beine gestellt und am 17. Oktober mit großer öffentlicher
Resonanz eröffnet. Damit es an nichts fehle, hat die Gotha Engineering
GmbH Verwaltungsgesellschaft unter Geschäftsführung von Frau Ulrike
Lehrl bereits über 100.000,- DM in die Wintersportausstellung
investiert und dem Leiter der Exposition eine Festanstel- lung in der
Firma verschafft. Außerdem wurden 80 % der Mitglieder des
Ausstellungs-Trägervereins durch das Engagement der Gothaer Firma
gewonnen. Bis zum 18. Dezember
2001 wird nun auch im Oberen Hof des Heimatortes eine Exposition zum Thüringer
Wintersport aufgebaut. Damit kehrt die Ausstellung wieder an den Platz
zurück, an dem An dieser Stelle möchte ich dem Leipziger Sportmuseum und seinem Förderverein sowie vor allem auch der Museumsleiterin Frau Dr. Rohr Dank und Anerkennung aussprechen für den Rat und die Hilfe, mit denen sie unsere Wintersportausstellung auf ihrem bisherigen Weg begleitet haben. Ich sehe unsere Exposition als einen kleinen, aber nahen Verwandten der Leipziger Einrichtung und entdecke, wenn ich deren beider Schicksale betrachte, viele Gemeinsamkeiten. Ich wünsche den Leipzigern ebenso viel Kraft und Stehvermögen im Kampf um eine neue Heimstatt, wie wir sie in Oberhof aufbringen mussten und sicher auch noch müssen.
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| Jan Knapp | |
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